Blätter des Literaturkreises Hermann Hesse
Der Schlossergeselle
Die Kurzgeschichte weist autobiografische Elemente auf:
Der Erzähler ist Geselle in einer Schlosserwerkstatt, wie auch Hesse selbst Mechanikerlehrling war.
Das Umfeld der Werkstatt ist das Handwerkermilieu in Schwaben, der Heimat Hesses.
Die philosophischen Elemente der Erzählung:
Zbinden ist ein einzelgängerischer Typ. Als er in der Werkstatt um Arbeit anfragt, sieht er nur den Meister an, die Kollegen interessieren ihn nicht.
Rein äußerlich weist Zbinden Merkmale einer spirituellen Persönlichkeit auf: Sein jugendliches Gesicht steht im Gegensatz zu einem sehr erfahrenen Ausdruck.
Zbinden verschwendet seine Energie nicht, sondern setzt sie gezielt ein: Als er um Arbeit nachsucht, sagt er nur die notwendige Formel des wandernden Gesells. In seiner Arbeit geht er auf und bringt sich voll ein; bereits in der ersten Viertelstunde, noch vor dem Vesper, legt er voll los.
Trinkgelage am Ende der Arbeitswoche sagen ihm nichts, er geht am Abend eine Weile allein vor der Stadt spazieren, dann liest er Bücher von Tolstoi, die Bibel oder philosophische Werke La luce dellOriente".
Zbinden verschließt seine Bücher vor den anderen. Dies kann als Schutz vor Entweihung durch Profanes gedeutet werden, aber auch als einfaches Sich-Entziehen vor nutzlosen Diskussionen mit Personen, die ihn gar nicht verstehen können, weil ihnen die Grundlagen dazu fehlen: Wo der Denkansatz nicht vorhanden ist, ist das Gespräch reine Energieverschwendung.
Zbinden sucht das klärende Gespräch mit dem erzählenden Lehrling, anstatt ihn einfach körperlich zu züchtigen, wie dieser es gewohnt ist und ohne weiteres akzeptieren würde.
Zbinden bezeichnet den Lehrling als noch nicht verdorben", im Gegensatz zu den Gesellen des Betriebs. Dies entspricht der Sichtweise der russischen Literatur, die er durch Tolstoi kennt, in der Kinder immer als unschuldig" angesehen werden.
Dieses Gespräch mit dem Lehrling ist ein Lehrer-Schüler-Gespräch, in dem Zbinden einen wertvollen Rat fürs Leben geben will: Der Lehrling soll sich kein Beispiel an den Gesellen nehmen, sondern wissen, daß diese ein Negativbeispiel darstellen, und daß ihre respektlose, verdorbene Art keineswegs erstrebenswert ist.
Das bürgerliche Handwerkermilieu:
In der Werkstatt gibt es eine festgefügte Hierarchie, in der der Lehrling ganz unten, der Meister ganz oben steht.
Am ersten Arbeitstag wird der wandernde Gesell von seinen Kollegen eingeladen, mit ihnen einen Schoppen trinken zu gehen.
Völliges Unverständnis für Interesse an Literatur.
Das tragische Element:
Zbinden wird von seinen primitiven Kollegen völlig verkannt. Sie stempeln ihn aufgrund kursierender Gerüchte zum Verführer der Frau seines Vorarbeiters ab.
Die Kollegen haben keinerlei Respekt für die Andersartigkeit des Zbinden, der weit über ihrem Niveau steht. Ihr Unverständnis macht ihn zwangsläufig zum Außenseiter.
Die tiefgehende Beziehung zu Mathilde, die auf gemeinsamen Interessen für philosophiosche Diskussionen beruht, wird von den rohen Arbeitern in den Schmutz gezogen und als Ehebruch abgestempelt.
Zbinden kann sich dem Druck der Umwelt auf Dauer nicht zur Wehr setzen und nimmt schließlich den Selbstmord zum Ausweg.