Ein wenig Louise Brooks

 

 Also, zur Welt gekommen bin ich vor 21 Jahren in einem kleinen Städtchen im Staate Kansas in U.S.A. (Wenn man diese Zeilen in 20 Jahren lesen wird, werde ich also 41 Jahre alt sein). Die Schule besuchte ich in der Stadt Kansas selbst, wohin meine Eltern zogen, als ich zwölf Jahre alt war. Als ich fünfzehn Jahre alt war, rückte ich, wie das bei zukünftigen Flimmerstars üblich zu sein scheint, von Hause aus. Mit meinem ersparten Gelde fuhr ich nach New York, wo ich der sehr bekannten und gefeierten Tänzerin Ruth St. Denis meine ‚Dienste’ anbot. Und ich hatte wirklich Glück, denn sie bildete mich aus.

            Dann sah mich Florenz Ziegfeld, nahm mich in die Gruppe seiner berühmten Girls auf, und bald hatte ich großen Erfolg in seinen Revuen. Darauf ging ich nach London, wo ich im Café de Paris auftrat. Nach meiner Rückkehr aus England ging ich wieder zu Ziegfeld. Eines Tages sah mich Walter Wanger, der Produktionsleiter der Paramount, in einer Revue. Ich schien ihm gut zu gefallen, denn er ließ Probeaufnahmen von mir im Long Island-Studio machen, die auch wider mein Erwarten sehr gut wurden. Man gab mir dann eine kleine Rolle in einem Film, den Herbert Brenon, der Regisseur von Blutsbrüderschaft, inszenierte. Die Rolle war zwar sehr klein, aber man war mit mir zufrieden. Ich erhielt einen langfristigen Kontrakt von der Paramount und siedelte nach Hollywood, der Stadt der Enttäuschungen, über. Hier spielte ich in verschiedenen Filmen, so u.a. auch als Partnerin von Menjou. Nach der Premiere von einem meiner Filme konnte ich mich vor Briefen aus dem Publikum gar nicht retten. Ich bekam durchschnittlich 2000 in der Woche. Bekannte von mir behaupten, daß ich zur Beantwortung nicht mehr als einen Karton Briefpapier verbraucht habe. Eines Tages kam ein sehr unerwartetes Kabel aus Deutschland mit der Anfrage, ob ich die Hauptrolle in einem deutschen Film übernehmen wolle. Nach nicht allzu langen Verhandlungen wurde die Sache perfekt ...   Und so spielte ich die ‚Lulu’ in dem Film Die Büchse der Pandora. Ich weiß nicht, ob ich es sagen darf, aber ich hatte vorher noch nie etwas von Wedekind gehört. Erst in Deutschland erfuhr ich, was für eine Rolle es überhaupt war, die ich zu spielen hatte. Natürlich interessierte mich diese Rolle sehr. Besonderes Vergnügen machte mir das Zusammenarbeiten mit G. W. Pabst; ich habe in meiner ganzen bisherigen Filmkarriere noch keinen Regisseur gehabt, den für künstlerische Filmarbeit solches Verständnis zeigte. Nach der anstrengenden Arbeit fuhr ich wieder nach New York zurück, wo ich mich ein wenig von meinem Europa-Filmausflug erholte. Im Mai 1929 ging ich nach Paris und von dort nach Berlin, wo ich zu meiner großen Freude in dem G. W. Pabst Film Das Tagebuch einer Verlorenen die Hauptrolle verkörpern durfte. - Berlin ist wundervoll. Sehr komisch fand ich es, daß Anita Loos, die bekannte Autorin von Blondinen bevorzugt, einem Berliner Interviewer sagte, daß die erfolgreichsten Blondinen die Dolly Sisters und ich wären. Auf den Einwurf, daß wir doch schwarz seien, sagte Anita Loos, daß die Haarfarbe nur eine untergeordnete Rolle spiele und daß wir vor allen Dingen ein blondes Wesen hätten. – Ich bin jetzt also eine ‚schwarze Blondine’.

            Das Arbeiten in den deutschen Ateliers ist für mich ein Genuß. Alle Leute sind so nett und höflich und versuchen mit mir englisch zu reden. Ich lese sehr gern und sehr viel. Gerade habe ich das Buch Im Western nichts Neues (natürlich in englischer Übersetzung) gelesen. Es hat auf mich einen sehr starken Eindruck gemacht.

            Anschließend an den Film Das Tagebuch einer Verloren werde ich nach Paris gehen, wo ich, unter der Regie von René Clair, die Hauptrolle in dem Film Schönheitskonkurrenz spielen werde. Ich habe noch nie in Frankreich gearbeitet und bin gespannt, ob es mir genau so gut gefallen wird wie Deutschland.

 Louise Brooks, Ein wenig Louise Brooks, in A. Kindt & E. Bucher (herausgegeben von), Film photos wie noch nie, Giessen, 1929

 

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